Über die Glokalisierung in unserer Gesellschaft

Von Barbara Seibert

Im Lexikon wird der Begriff „Glokalisierung“ als ein sogenanntes Kofferwort beschrieben, das zusammengesetzt ist aus den Begriffen „global“ und „lokal“. Ursprünglich kam er aus dem Japanischen und wurde um die 1990er Jahre durch den Soziologen Roland Robertson bekannt gemacht. Seither taucht der Begriff in vielen Bereichen auf: Der Ökonomie und der Kultur, der Digitalisierung und der Geographie. Manche politische Debatte greift auf eine eher akademische Definition zurück: Danach ist „Glokalisierung“ ein „Kunstbegriff der beiden Adjektive ‚global‘ und ‚lokal‘, der auf die Wechselwirkungen zwischen globalen und lokalen Handlungen und Entwicklungen, Ideen und Entscheidungen verweist.“ (Schubert/Klein. Bonn 2016) Vielleicht, weil sich dies alles sehr theoretisch anhört, hat der Begriff „Glokalisierung“ es bisher nicht zu einem Durchbruch gebracht und mein Team und ich erlebten schon einige Male, dass Leserinnen und Leser das „k“ in der Mitte für einen versehentlichen Fehler halten. Seither schreiben wir es, wo immer möglich, in roter Farbe.

Und obwohl er noch so unbekannt ist, hat der Begriff doch viel mit unserem alltäglichen Leben zu tun: Denn mehr und mehr ist es ganz normal, in einer global-lokalen Umgebung zu leben – zwischen Bekanntem und Fremdem, Mythen und Fakten, Gefährdung und Entfaltung und viele Menschen sind um ihre Zukunft besorgt: Denn Lokales und Globales kann als Gegensatz empfunden werden und Angst vor Verlust auslösen; in schlimmen Fällen nutzen extreme politische Parteien dies dann mit Parolen wie „Wir holen uns unser Land zurück“ für ihre eigenen Zwecke aus.

In meiner Definition von Glokalisierung ist dies aber gar nicht nötig:
Denn globale Einflüsse werden hier gemeinsam gedacht mit lokalem Wissen, Erfahrungen, Werten, liebgewonnenen Gewohnheiten, Lebensleistungen - all dies in unserem Land stets auf Basis der deutschen Verfassung. Erinnerungen gehen nicht verloren, sie sind mit vielem Neuen gemeinsam Teil unserer Gegenwart und Zukunft. Alles hat seinen Platz. 

 
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Damit wir glokal denken und uns mit diesem Sinn für die Realität so manches erleichtern können, ist ein Wechsel der Blickrichtung nötig – wie der Dichter des kleinen Prinzen, Antoine de Saint-Exupéry, innere und manchmal auch äußere Bewegungen nannte – weg von einem oben und unten, rechts und links, freundlich oder feindlich, hin zu einem verbindenden Hineinleben in unsere Wirklichkeit – auch wenn es Manchen schwerfällt und nicht jeder Versuch ein Erfolg wird. Gerade aufgrund ihrer Vielfalt und weil sie nicht nur die eigenen Echoräume kennt, kann Glokalisierung gleichwohl so viele Chancen und Potentiale eröffnen, wie nie zuvor. Nutzen allerdings müssen wir sie selbst, dies gehört zu einem selbstbestimmten Leben in der Demokratie auch dazu.

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Dabei tun Manche sich mit dieser Wirklichkeit schwer, ja, sie lehnen sie ab und nicht selten betrifft ihre Antipathie vor allem Einwanderer, deren vermeintliches Chaos, ihre „gefährlichen“ Religionen und überhaupt die ganz anderen Gewohnheiten: Quer durch die Gesellschaftsgruppen mögen Menschen gerne reisen und asiatische oder afrikanische Gerichte essen; bei uns ankommende Menschen aus diesen Gegenden der Erde aber werden von etwa 20 Prozent der Bundesbürger mit Sorge und Angst betrachtet, ihre Gefühle zeigen sich durch vorsichtige Zurückhaltung bis hin durch Aktionen aus blankem Hass. Und häufig geben sie die Schuld zum Beispiel an Flüchtlingseinreisen dann „der Politik“, „den Behörden“ oder auch einzelnen Personen. Dabei kann keiner die Zeit zurück- oder nach vorne drehen und derzeit offenbar auch nicht Kriege und Hunger und damit Flucht und Migration entscheidend verhindern: Dafür müsste es den ein oder anderen Zauberer geben oder wir alle miteinander müssten mindestens bessere Menschen sein.

Das aber sind wir nicht, sondern ganz normale Bürgerinnen und Bürger mit unseren Plänen, Träumen, Ängsten: Wo auch immer wir leben, sehnen sich fast alle Menschen nach einem Leben in Frieden, Sicherheit, Freiheit und Wohlstand – Kriminelle sind ausdrücklich ausgenommen. Und gerade in dieser Zeit weltweiter Unruhe hat die Bundesrepublik Deutschland als derzeit größte Volkswirtschaft in der Mitte Europas die Aufgabe, sich verantwortungsvoll um Stabilität im eigenen Land zu kümmern – und damit einen Beitrag für Europa insgesamt zu leisten. Vielleicht fragen Sie jetzt: „Was geht mich denn Europa an?“ Nun, vielleicht haben Sie einen Arbeitsplatz bei einem Konzern, der über Deutschland hinaus arbeitet; vielleicht bekommen Sie eine Rente, die nur dann steigen kann, wenn Deutschland genug Einnahmen aus Arbeitsplätzen hat und genug ins Ausland verkauft; vielleicht möchten Sie, dass in Ihrem Ort endlich bestimmte Straßen instandgesetzt werden und das dafür notwendige Geld könnte Ihr Bürgermeister von der Europäischen Union bekommen. Und neben all diesen gibt es noch viel mehr Gründe, sich als Bürgerinnen und Bürger dieses Landes für ein stabiles Deutschland in einem sicheren Europa einzusetzen und der wichtigste heißt: Friede.

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Friede ist ein Wert an sich. 

Und so lange haben wir ihn noch nicht: Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der viele Menschen durch den von Hitlerdeutschland entzündeten Zweiten Weltkrieg für ihr Leben gezeichnet waren. Unsere Lehrer am Gymnasium kamen mit Holzbein, einäugig, ohne Finger, Hände, Arme in die Schulen. Sie hatten sogenannte Versehrtenausweise, mit denen öffentliche Verkehrsmittel umsonst genutzt werden konnten. Und neben diesen Eindrücken, die so nah und unauslöschlich das eine Leben dieser Menschen und ihrer Familien zeichneten, ist mir bis heute der Probealarm für Fliegerangriffe im Gedächtnis, der in meiner Grundschulzeit noch einige Male vom Dach unserer Schule erschallte und uns voller Schrecken innehalten ließ, bis die „Entwarnung“ schrillte. Und wenn mir heute Dinge zu viel werden, ist die Erinnerung an dieses Gefühl ein guter Kompass – voller Dankbarkeit, dass wir das große und nicht selbst verdiente Glück haben, in Frieden leben, lernen und arbeiten zu dürfen.

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Seit zehn Jahren leite ich ein Institut für Bildungsförderung und den gesellschaftlichen Dialog. Dabei gibt es mit den jungen Leuten aus türkischen, afghanischen, syrischen, afrikanischen Familien und den geflüchteten Erwachsenen ebenso viel Freude und Ärger wie mit deutschen Freunden und Bekannten: Die persönlichen Erfahrungen von Menschen aus unterschiedlichen Ländern und das, was sie mögen und nicht mögen, richtig und falsch finden, ist manchmal sehr verschieden. Dann müssen wir uns so lange unterhalten oder einfach mal gar nichts sagen oder auch streiten, bis wir eine Lösung gefunden haben, die für alle möglichst gut ist und zu 100 Prozent klappt das nie. Dazu kommt, dass die einen sich mögen und andere nicht, auch das ist sehr normal; denn niemand muss jemanden sympathisch finden, nur weil er in Schwierigkeiten ist. Es gibt keine Verpflichtung zum Nettfinden – das wäre nicht ehrlich. Aber sich wechselseitig anerkennen und miteinander Lösungen für Probleme des Zusammenlebens suchen, das geht mit gutem Willen (fast) immer.

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So also kann glokales Zusammenleben aussehen. Am Elbinstitut funktioniert das recht gut und mit diesen Erfahrungen werden wir in den kommenden Monaten versuchen, weitere solche „glokale Orte“ zu gründen, an denen Einheimische und Zuwanderer sich gemeinsam ein Zusammenleben in Respekt und auf Augenhöhe organisieren. Ohne Übertreibungen, ganz alltäglich, praktisch und pragmatisch und so, dass der „glokale Ort“ allen Beteiligten etwas bringt – vor allem Sicherheit und Frieden in unserer global-lokalen Wirklichkeit. Denn wir haben keine andere und sollten sie gut beschützen.

Hamburg, im Oktober 2017

Portrait Barbara Seibert

Zur Person: Barbara Seibert studierte Geographie und Religionswissenschaft. Nach 20 Jahren als selbstständige Unternehmerin leitet sie seit 2007 das Elbinstitut Hamburg e.V., in dem sich bisher über 1.000 Fellows mit Migrationsgeschichte schulbegleitend oder schulunabhängig in Sprache und Allgemeinbildung qualifiziert haben.

Neuerscheinung im Oktober 2017.
Nur ein Klick darauf und Sie sind drin!

Elbinstitut Hamburg (YMT) e.V.

Große Elbstraße 131, 22767 Hamburg, Telefon 040 – 380 868 02
www.elbinstitut.de, hamburg@elbinstitut.de, Vereinsregister 19449

Allen hier genannten und auf eigenen Wunsch nicht genannten Förderern sagen wir herzlichen Dank.

Glokalisierung - Förderer